Flugsportring Kraichgau e.V. SinsHEIM

mehr als nur Flugsport!

 

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Nein, es geht nicht um den Film von Zack Snyder von 2006

Streckenfliegen ist die Königsdisziplin des Segelflugsports. Wie ein Storch von Thermikblase zu Thermikblase zu gleiten und dabei eine möglichst große Strecke zurückzulegen: Das ist höchste Erfüllung für uns Flugsportler. Schon als werdender Pilot arbeitet man lange darauf hin, sich Kurbeltechnik, Flugtaktik und vieles mehr anzueignen, um um die nicht ganz willkürlich gewählten Wendepunkte herumzukommen und zu Hause ohne Zwischenlandung so entspannt wie möglich anzukommen.

Persönlich habe ich in den letzten fünf Jahren beinahe zahllose Versuche gestartet die magische Grenze eines 300km-Dreiecks im Alleinflug zu überwinden - mit überschaubarem Erfolg. Die größte Hilfe war für mich das Buch „Streckenfliegen leicht gemacht“ von XXXX.
Hierin konnte ich mich schon auf den ersten Seiten über alle von mir favorisierten Fehler im Flug informieren und mir Trainingsangebote zur Abhilfe abgucken.

Dennoch fliege ich bis dato viel zu lange in Bärten und zu zaghaft nach vorne. Damit aber sollte jetzt endlich Schluss sein. Das seit Tagen genau beobachtete Wetter schien vielversprechend, der Job hat ebenfalls ein Zeitfensterchen geöffnet und die ASW24 des FSR (XF)war schnell gekrallt, aufgebaut und vorbereitet. Zum Rückholer bestimme ich quasi Wolfgang Weber, der aber ganz charmant und selbstlos zustimmt. Mein Plan: Alleine 300km Richtung Nord-West!

„Schritt für Schritt“
Nach wenigen Sekunden interveniert Steffen, der mit seiner ASW24 (3L) ebenfalls (mindestens) 300km fliegen wollte, er flöge nach Nord-Osten. Und er bietet an, mit mir zusammen zu fliegen. Verstanden habe ich die gewählte Flugrichtung bis heute nicht, aber ich lasse mich gerne darauf ein.

Wasser? Check. Luftfahrtkarten? Check. Luftfahrzeugpapiere? Check. Akkus? Check. Irgendwas fehlt, aber irgendwas ist ja immer. Benny, Steffen und Wolfgang programmieren das LX. Ich bin kein Freund von LX, mag lieber Butterfly, seit ich mich auf der AERO in Friedrichshafen einmal an der Bedienung hellauf begeistern konnte. Aus meiner Sicht ist es kein gutes Zeichen, wenn drei erfahrene Piloten notwendig sind (vier, mich eingeschlossen), um eine Strecke mit zwei Wendepunkten ins LX Navi zu programmieren. Dieses Phänomen zieht sich durch die gesamte unübersichtliche Programm- und Menüstruktur bei LX. Für mich eindeutig ein Minus. Ich starte mit iGlide als Redundanz.

„09:51 UTC - es geht los“
Steffen lässt mir den Vortritt am Seil. Der Flugbeginn gestaltet sich etwas harkelig und die erste Thermiksuche ist schwierig. Die Bärte ziehen noch nicht so gut so früh am Tag im Kraichgau. Trotzdem sieht das Wolkenbild vielversprechend aus.
Steffen startet ein paar Minuten später. Ich schaffe es Höhe zu halten und nach einigen Kreisen leicht zu gewinnen. Steffen hat einen besseren Bart und ich fliege zu ihm hin. Kaum an der Basis angekommen, fliegt er schon ab. Ich folge leicht rechts versetzt hinter ihm. Das Ziel: die erste Wende, querab Lager Hammelburg.
Es geht los... am Funk
Der erste Schenkel zeigt wie erwartet ein erstes langes Abgleiten, bei dem wir uns noch vorsichtig vorwärts tasten. Alles entspannt! Die nächsten Wolken ziehen mal satt, mal weniger und wir nutzen nur den damit verbundenen kurzen Lupfer. Im Funkverkehr hört man auf 122,475 pausenlos belangloses Gequatsche. Steigwerte werden beinahe minutenlang durchgegeben: Wo es ganz besonders steigt und ganz besonders sinkt - sogar mit gemessenen Einzelwerten. Wer wo jetzt mit Fliegen dran ist, wo sich die Autoschlüssel von Jörgs Karre befinden, denn die muss dringend da weg, wie am gestrigen Tag der Kuchen von Gitte war - hat eigentlich jeder Flugplatz eine GolfMike in der Platzrunde? - , gaaanz liebe Grüße werden von Jutta an den Ingo ausgerichtet der leider mal wieder nicht am Platz ist, jemandem wird der Sprit knapp vor dem nächsten Schlepp, ein Zellenwart wird gesucht „da ist was komisch am Gerät“, irgendwer will es „schneller..schneller!...SCHNELLER!!!“ ein anderer „laaaaaangsaaaaamer 130!!“ Irgendwann mittendrin erfleht einer die Bitte nach „Funkdisziplin“ dazwischen. Abgelehnt! Also schlage ich Steffen vor, auf die eigentliche Quasselfrequenz zu wechseln - gesagt, getan - Ruhe! Herrlich.

„Die erste Wende“
Die 3L scheint irgendwie unerklärlicherweise weniger Höhe zu verbraten als die XF. Steffen hat aufgrund der LX-Programmierung eine andere Wende, die etwa 10km von meiner entfernt liegt. Ich wende querab Lager Hammelburg und parke unter einer Wolke. Trotzdem verliere ich den Sichtkontakt zu ihm, und werde nervös, weil sich die Thermik hier ein wenig ziert. Positionsmeldungen von Steffen sind schwierig zu interpretieren, da viel Segelflugverkehr in dieser Gegend herrscht. Wenn ich gerade denke, die 3L ausgemacht zu haben, entpuppt sich das Flugzeug als Duo, DG808 oder sonst was. So fliege ich langsam auf eigene Faust weiter. Er wird mich schon wieder einholen. Doch in Gedanken telefoniere ich schon mit Wolfgang und suche nach einem diplomatischen Weg ihm zu erklären, dass er jetzt knappe 3,5 Stunden zu mir hinfahren muss... und dann auch wieder zurück... vielleicht in einen netten Witz verpackt? Den Gedanken verwerfe ich rasch wieder und konzentriere mich auf´s Fliegen. Erneutes Parken über Karlstadt-Saupurzel und noch kein Sichtkontakt zu Steffen. Als er seinen Standort über Karlstadt-Saupurzel angibt kann ich ihn räumlich einordnen. Also fliege ich weiter den Main entlang. Schon hat mich Steffen eingeholt, er fliegt sogar wesentlich höher als ich und ich fühle mich wie ein Anfänger. Laut meinem Begleiter herrscht in dieser Gegend gewöhnlich ein blaues Loch vor und tatsächlich wurde es etwas zäh im zweiten Schenkel, aber nie wirklich schwierig. Wir finden ausreichend Energie für den Flug zur zweiten Wende vor.

Gelegentlich verhalten sich andere Segelflieger-„Kameraden“ hingegen wie ein „Baubuden-Rülps“. Einfach unkameradschaftlich. Ich sehe mehrfach wie auf 6:30 Uhr Position in 15-20m Entfernung im Kreis innen hinter Steffen gekurbelt wird. Fliegt er schneller, um den Abstand zu vergrößern, macht der andere das auch. Schlimm anzusehen. Auch wenn vier Flieger rechtsherum im Bart kreisen, aber der letzte, der unten einkurbelt meint, es ginge linksrum besser. Oder wenn das Flarm unentwegt als Warnung kreischt und blinkt. Man kann aber den Urheber im toten Winkel nicht ausmachen und wird schließlich innen geschnitten. Jeder dieser Flieger hat sein persönliches „Warum“, Steffen und ich fliegen weiterhin defensiv, wollen unsere Gesundheit, den Spaß am Fliegen und dem Verein das Flugzeug erhalten.

„Zweite Wende“
Auch an der zweiten Wende liegt die von Steffen wieder etwas weiter weg von meiner. So verliere ich ihn erneut, wieder ist viel Verkehr unterwegs, was eine Zuordnung erschwert. Über dem Autobahnkreuz bei Schnelldorf finde ich ihn weit über mir wieder im Pulk kreisen. Ich drehe zu ihm auf, er zieht mehrfach die Klappen. So langsam kommt der Zielflugplatz in Reichweite des Endanflugs. Noch zwei Wölkchen in Richtung Degmarn werden angeflogen und getestet, die letzte zieht satt. Dann die Frage von Steffen über Funk, ob ich heimfliege, was ich mit „Positiv“ bestätige. Er teilt mir daraufhin mit, es sei ihm „einfach noch zu früh“, und er würde nochmal in den Odenwald abdrehen. Dann ist er verschwunden.

„Endanflug“
Ich halte mich definitiv zu lange über dem Neckar in zerfallender Thermik auf und versuche Höhe rauszuquetschen. Fliege zu spät weiter, obwohl die Höhe schon locker gereicht hätte. Mein alter Fehler. Kein Endanflug geplant, dem LX nicht vertraut. Demnach erreiche ich Sinsheim auch viel zu hoch. Das LX gratuliert mir, da bin ich fast wieder versöhnt. Mittlerweile drückt die Blase. Achja, jetzt weiß ich was ich vergessen habe, diese nützlichen Plastikbeutel. Also wird die Höhe rasch für Grundlagentraining wie Sackflug, hochgezogene Fahrtkurve, Steilkreise, Slip und Kurvenwechsel genutzt. Ich melde mich zur Landung an der Position. Fahrwerk raus. Check. Doublecheck, ja ist raus. Nur bin ich noch zu hoch, also im Queranflug Klappen leicht raus. Ich stelle fest, dass die ASW24 schießt. Da ich zu schnell bin, ziehe ich hoch, leicht und nicht hoch genug. Ich verliere kaum Höhe und schieße immer noch. Also: Slip, hab ich schließlich gerade geübt, kann ich. Nur bin ich zu hoch und zu schnell, warte nicht das negative Wendemoment ab, „zwinge“ die ASW24 in den Slip: Wieder kein Höhenverlust. Das Lande-T ist Geschichte - Mist! Mit dem Ärger im Bauch auch noch zu früh abgefangen: klatsch! Nicht so stolz drauf-

„LX die letzte“
Mit gesenktem Haupt schleppe ich mich samt XF dank Rückholer zur Abstellfläche. Dort entlade ich meine Ausrüstung und will den Flug vom LX auf einen Chip ziehen. Das klappt mit dem LX nicht auf anhieb, eigentlich überhaupt nicht. Alle Umstehenden versuchen sich daran. Erst nachdem Wolfgang in den späten Abendstunden in der Flugzeughalle erneut einen Versuch wagt, gelingt das Unterfangen und Flug kann bei Onlinecontest.org gemeldet werden. Wolfgang opfert hierfür seinen eigenen Flug, der nicht mehr auf meinen Chip passt, weil der voll mit Datenschrott ist. Nun, jetzt nicht mehr.

Fazit
Was bleibt ist für mich ein unvergessliches Erlebnis, welches mir nur durch tatkräftige Geduld, Mithilfe und Opferbereitschaft meiner Fliegerkameraden zu Teil werden konnte. Dafür bin ich allen sehr dankbar. Mit solchen Erlebnissen im Hinterkopf fällt mir jeder Windendienst, Zellenwartlehrgang oder alle sonstigen Tätigkeit im Verein ausgesprochen leicht.
Ich wünsche allen Fliegerkameraden mindestens ebenso schöne Flugerlebnisse und stets bessere Landungen, als die oben beschriebene.

https://www.onlinecontest.org/olc-3.0/gliding/flightinfo.html?dsId=6493376

David Krebs